Der Traum vom Reiten

Veröffentlicht am 26. Mai 2026 um 16:26

Viele Clickererer träumen ihn, den Traum vom Reiten. In Harmonie und Einheit mit ihrem Pferd, das völlig einverstanden ist mit der Reiterei.
Doch warum ist das so kompliziert? Weshalb sieht man diese Engagierten und Motivierten Menschen mit ihren selbstbewussten und motivierten Pferden trotzdem am Boden stehen?

Ein kleiner Bericht über Frustration, Komfortzone und Vertrauen.

Der Weg zum entspannten Clickerpferd ist oft steinig und voller Hindernisse.

Zunächst muss man sich selbst umtrainieren, denn das heutige Pferdevolk hat zu allermeist die klassische "da musst du dich einfach durchsetzen" Mentalität gelernt und erst später "umgedacht".
Dann muss das Pferd lernen entspannt zu bleiben beim Futterlob. Das kann dauern. Je nach Aufzucht, Haltung und Vorerfahrung auch mal mehrere Monate. Das richtige Futter muss gefunden werden. Zum Glück ist der Markt inzwischen gnädig mit uns und es lässt sich für jeden Typen etwas finden.
Und dann fängt man wieder von 0 an. Das Pferd führen, anhalten, auf Abstand schicken, Hufe geben, .... Manchmal beginnt die gesamte Jungpferdeausbildung von vorn. Das sind oft mehrere Jahre, bis sich Besitzer und Pferd in einem entspannten Zustand befinden und wieder alle Möglichkeiten offen sehen.
(Aber keine Sorge, es muss nicht so sein wenn ihr anfangen wollt zu Clickern, kann man das auch "nebenbei" tun).

 

Wenn der Traum vom Reiten auf die Realität trifft

Nun ist das engagierte Pferd-Mensch Paar an einem guten Ausgangspunkt. Das Pferd ist entspannt mit dem Futter, kennt allerlei Signale, lässt sich nicht mehr so leicht ablenken und bleibt physisch wie psychisch bei seinem Menschen.
Der Mensch hat ein gutes Timing entwickelt, kann die Grenzen seines Pferdes gut einschätzen, weiß um dessen Vorlieben und Schwächen und hat eine breite Kommunikationsbasis aufgebaut.
Das Pferd kommt gerne von seinem Paddock zu seinem Menschen und freut sich auf die Arbeit.

An diesem Punkt taucht oft langsam aber stetig der Wunsch nach dem Reiten auf. Beim Menschen, die meisten Pferde kämen auch ohne klar.
Und dann fängt man an, die Gewöhnung an das Equipment geht oft noch einfach. Einparken an der Aufstiegshilfe auch. Der komplizierte Teil beginnt dann im Sattel.
Das Pferd ist auf ein Mal wieder abgelenkt, reagiert nicht auf Signale und äußert unwohlsein.

Der Mensch wird frustriert. Er hat ja noch gar nichts gemacht. Und sonst klappt ja alles davon. Das Reiten wird wieder eingestellt, noch zu früh.
Das Bild sieht Wochen später aber noch genauso aus. Warum? Was ist das Problem?

 

Der entscheidende Unterschied: Körpersprache und Komfortzone

Für den Menschen ist der Schritt vom Boden in den Sattel ein winziger, für das Pferd ein riesiger. Unser Pferd orientiert sich so oft an unserer Körpersprache, selbst wenn wir denken, wir würden Stimmsignale geben bleibt die Körpersprache von Bedeutung.


Ein kleines Experiment an der Stelle:
Dreh dich mit dem Rücken zu deinem Pferd und gib ein Stimmsignal (zB für Rückwärts oder Schritt) und schau was passiert. Ich sags dir, zu 90% passiert da nix.
Jetzt dreh dich wieder in normale Position, nimm dein Stimmsignal und behalte die Intention bei (zB mein Pferd geht jetzt einen Schritt Rückwärts), aber verändere das Signal (mach zB aus "Zuuuuurück" "Zwiiiiiebel") und schau was nun passiert.

Die meisten Pferde haben gar keine genaue Vorstellung der Wörter alleine, außer man übt dies extra.
Wenn wir uns nun auf den Pferderücken setzen machen wir es dem Pferd, welches sich zuvor Jahre! lang an unsere Körpersprache Gewöhnt haben unglaublich schwer.
Nun befinden wir uns an einem Punkt weit außerhalb der Komfortzone des Pferdes. Von hier zur Überforderung ist es nicht mehr weit.
Auf der anderen Seite ist auch der Frust beim Menschen nicht mehr weit.

 

Geduld, Kriterien heruntersetzen und kleine Schritte

Dieser muss sich nun sehr zusammenreißen. Wenig fordern, viel loben! Früh aufhören!

Stellt euch vor, ihr fangt nochmal von vorne an. Es fließt sehr viel Zeit in die Reitausbildung eures Pferdes.
Wie viel Zeit verbringt ihr mit ihnen am Boden? Bei einer moderaten Schätzung von 30 Minuten am Tag macht das 3,5 Stunden in der Woche, das sind 185,5 Stunden im Jahr!
Und die Reitübungen? 1 Mal im Monat für 10 Minuten, weil Mensch dann wieder frustriert genug ist?

Wem das genug ist, super! In der übrigen Zeit kann man mit seinem Pferd prima Abendteuer, Tricks und Spiel und Spaß am Boden haben. Wer aber ernsthaft mehr Reiten möchte muss in den sauren Apfel beißen.
Geduld aufbringen, Kriterien massiv heruntersetzen, viele kleine Schritte machen. Geduldig sein. Nicht nur mit seinem Pferd, auch mit sich selbst.
Die Aufgabe ist groß und schwierig, mental wie körperlich. Sie fordert von unserem Pferd viel umdenken. Vertrauen in jemanden, den man nicht sehen kann.
Von uns Geduld mit dem Pferd, dass Signale auf einmal nicht mehr verstanden werden, dass unser Pferd ängstlicher wird, dass es öfter auch mal nein sagt.
Und wer kann es ihm verübeln?

 

Mein Tipp für's Training:

Nutze möglichst oft ganz kurze Sequenzen, die können auch in euer sonstiges Training integriert werden:

  • Aufsitzen – Absitzen (mehrfach)
  • Ein Schritt vorwärts, Absitzen
  • Zwei Schritte vorwärts, Absitzen
  • Ein Target berühren (z.B. eine Hand, ein Kegel)
  • Kopf senken
  • Stehen bleiben, während der Reiter herumhampelt

Erinnert euch an eure Anfänge. Wie kurz waren die Einheiten? Wie viele Klicks sind für Mini-Mini-Mini-Fortschritte geflogen? Wie glücklich wart ihr da am Ende des Tages?

Die Reiterei - eine Übung in Geduld, Demut und manchmal auch ganz schön weit außerhalb der Komfortzone ;)

Fazit:

Der Traum vom fairen Reiten ist mit Geduld und dem richtigen Verständnis für die Bedürfnisse des Pferdes erreichbar. Der Weg mag lang erscheinen und unsere Geduld auf die Probe stellen, doch durch das gezielte Üben in kleinen Schritten und das Vertrauen in den Prozess, kann eine tiefe Harmonie entstehen.

Clicker-Training bietet eine wertvolle Grundlage, um eine Partnerschaft aufzubauen, die auf Vertrauen und gegenseitigem Verständnis basiert – so kann auch faires Reiten entstehen.

 

 

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