Langzügel mit Clickertraining

Veröffentlicht am 2. April 2026 um 10:59

Klassische Dressur meets Clickerhippies. Geht das überhaupt?

Das habe ich mich auch gefragt und deshalb den Selbstversuch gestartet.

Als Versuchskaninchen musste mein Reitpony Blue herhalten. Klickertraining kennt er ja schon länger, aber Spaß an der Handarbeit hatte er noch nie besonders. Zumindest bisher, denn der Langzügel scheint es uns angetan zu haben.

Was ist Langzügelarbeit:

Bei der Langzügelarbeit führt der Mensch das Pferd nicht von der Seite, sondern läuft neben der Kuppe oder hinter dem Pferd her – ähnlich wie beim Fahren, nur ohne Wagen und viel dichter. Die Zügel laufen vom Pferd über den Rücken zum Führer. Diese Arbeitsform stammt ursprünglich aus der klassischen Dressurausbildung und dient dazu, das Pferd zu gymnastizieren, seine Balance zu schulen und eine tragende Hinterhand zu entwickeln – und das alles ohne den zusätzlichen Ballast eines Reiters.

Das Besondere: Das Pferd muss selbstständig vorwärts gehen, sich räumlich orientieren und zugleich feine Hilfen am Zügel verarbeiten. Eine echte Koordinationsherausforderung also! 

 

Das Equipment: Was braucht man wirklich?

Die gute Nachricht: Du musst nicht das halbe Tack-Shop-Leer kaufen. Für den Einstieg reicht eine überschaubare Grundausstattung:

Der Kappzaum und die Zügel
Ich arbeite Blue an einem Lederkappzaum. Statt klassischer Langzügel verwende ich zwei 3,50 m lange, leichte Split Reins aus dem Westernreiten (weil sie noch herumlagen). Auf lange Sicht werde ich mir welche aus Biothane fertigen, das geht schnell, ist kostengünstig und ich kann die Länge zuschneiden die ich brauche. 

Ein Gebiss werde ich für Blue nicht einschnallen, auch später nicht. Wer das möchte, sollte jedoch trotzdem Gebisslos beginnen. Außnahmen sind: wenn euer Pferd bereits sehr weit ausgebildet ist (mit diesem Gebiss) oder extrem empfindlich am Nasenrücken, so dass es das Gebiss als angenehmer empfindet.

Der Klicker – wo hin damit?
Das ist besonders einfach. Wir haben einen Klickgeräusch ("Zungenklick"), welches ich selbst machen kann. Auch gut würde ein Wort funktionieren. Mit einem echten Klicker ist es etwas schwieriger. Diesen würde ich auf den Zügel legen, so dass er mit dem Daumen betätigt werden kann. Hierfür sollte der Klicker eher schmal sein, sonst könnte die feine Zügelverbindung darunter leiden.

Optional
Vielleicht lohnen sich später leichte Stöcke oder eine Dressurgerte als Hilfsmittel für die Präzision – nicht zum Zwingen, sondern als Verlängerung des Arms für klare Positionierungshilfen, bisher habe ich für Blue noch keine benötigt. Und natürlich: Pylonen, Hütchen oder leichte Stangen zur Markierung von Linien und Volten. Je exakter ihr arbeiten wollt, desto nützlicher werden optische Markierungen.

 

Wie ich begonnen habe:

Zunächst habe ich angefangen, mich beim Führen immer weiter zurückfallen zu lassen – am Langzügel muss er schließlich vorausgehen. Als nächstes habe ich frei auf dem Reitplatz geübt, dass er vorausgeht, auf Stimmsignal losläuft und anhält, egal wo ich mich befinde. Dann dasselbe mit Kappzaum und Zügeln. Die Ausrüstung und meine Position hat ihn dabei bei keinem Schritt gestört oder beunruhigt. Wenn er damit ein Problem gehabt hätte, hätte ich Zwischenschritte zur Gewöhnung an Berührung an der Hinterhand, Equipment, etc. eingebaut.

Dann wurde es schon spannender: Wir versuchten uns an der ganzen Bahn im Schritt. Zu Beginn mit vielen Klicks und Pausen, aber schnell hat er verstanden, dass er einfach außen herum gehen soll – die Zügel waren noch passiv und haben auch noch nicht eingerahmt oder eine Form hergestellt.

Der nächste große Schritt war dann das Abwenden. Hierfür habe ich reichlich Pylonen aufgestellt und meine "Langzügelposition" hinter dem Pferd kurzzeitig aufgegeben, um ihm die Kurve leichter erklären zu können. Dieser Schritt hat bei uns am längsten gedauert. Mein Ziel war es, mit sehr feiner Einwirkung am Zügel zu arbeiten, so dass er wirklich versteht, was zu tun ist (und nicht bloß einen Ausweg aus dem Geziehe sucht). Hier konnte ich von Einheit zu Einheit beobachten, wie die Kurven immer exakter wurden und immer mehr Linien auch ohne Hütchen möglich waren.

Zuletzt haben wir uns den Seitengängen gewidmet – hieran arbeiten wir auch aktuell noch. Die Unterscheidung von Schulterherein und Volte fällt besonders mir schwer. Auch als Mensch muss man sehr exakt mit seiner Körpersprache sein – selbst wenn man hinter dem Pferd hergeht!

 

 

Wie geht es weiter:

  • Trab und Galopp
  • Weitere Seitengänge: Travers, Renvers, Traversalen
  • Piruette
  • Spanischer Schritt
  • Rückwärtsrichten

 

Welche Vorteile sehe ich:

Mir gefällt die Langzügelarbeit besonders gut, weil sie den Menschen dazu zwingt weniger zu tun und dem Pferd mehr Freiraum gibt. Man wird weniger zum "Micromanagement" verleitet und agiert mehr als Team. Es fällt sofort auf, wenn das Pferd etwas noch nicht richtig verstanden hat. Sehr viele Lektionen, die man später evtl. reiten möchte können so schon vorbereitet werden. Das Pferd lernt auch bereits die Ausführung, ohne dass der Mensch "in Sicht" ist - ähnlich wie beim Reiten. Es kann gymnastiziert werden ohne die Belastung durch den Reiter. Aus der Position hinter dem Pferd bekommt man außerdem einen guten Blick auf Stellung, Biegung und Genickposition.

Und last but not least: auch der Reiter arbeitet an seiner Fitness! Fairer kann Dressurausbildung nicht ablaufen :)

 

Fazit:

Können Clickerhippies und klassische Dressur vereint werden?

Absolut. Ja. Und es ist sogar besser, als ich erwartet habe.

Natürlich braucht diese Methode Zeit. Die Schritte sind klein, etwas Geduld braucht man (auch mit sich selbst). Aber das Ergebnis ist ein Pferd, das mitdenkt, nicht duckt, sondern aktiv mitlöst. Ein Pferd, das Freude an der Arbeit zeigt – sogar bei der Dressurarbeit, die Blue früher mit deutlich weniger Begeisterung betrachtet hat.

Die Kombination aus klarer gymnastischer Arbeit und positivem Verstärkung ist kein Widerspruch. Sie ergänzt sich perfekt: Die Langzügelarbeit gibt den körperlichen Rahmen, das Klickertraining die mentale Motivation. Und am Ende steht ein gut ausgebildetes, athletisches Pferd – und ein Mensch, der stolz sein kann, weil er den Weg gemeinsam mit seinem Partner gegangen ist.

 

 

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